Etikette(n) oder “Der Shitstorm ist ausgeblieben”

Mit dem Beitrag “BDSM, Vanilla, LMAA” hatte ich mich auf recht gewohntes Terrain begeben. Einerseits wollte ich mich gegen das Etikett “Vanilla” auflehnen, andererseits selbst auch niemand BDSM-affinen auf die Füße treten. Herausgekommen ist ein Beitrag, der zwar Diskussionen ausgelöst hat, aber für mich doch unbefriedigend geblieben ist.

Ich wehre mich seitdem ich denken kann gegen Etiketten. Bei mir und bei anderen. Ich wurde in meinem Leben schon mit vielen Etiketten versehen. Ich bin klein. Frech. Rothaarig. Raucherin. Und habe keine puritanische Einstellung zum Thema Sex. Da kamen schon einige Etiketten zusammen. Und auch wenn das nicht immer so klar wird: Ich hasse sie. Ich hasse es, wenn man mich “Schlampe”, “Wadenbeisser” oder auch nur (halb im Scherz) “Hexe” nennt. Ja, ich kokettiere auch mit diesen Etiketten. Aber meist nur um im Vorfeld den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Darum kommen mir – um mal zum Thema zurückzukehren – Begriffe wie BDSMler und Vanilla schwer über die Lippen.

Sicher, Sprache braucht Bezeichnungen.

Mir wurde in den Kommentaren versichert, dass „Vanilla“ ja eigentlich nicht abwertend ist. Notwendig als Begrifflichkeit. Als Basis der Kommunikation, damit beide Gesprächspartner wissen, um was es geht. Es wurde mir aber auch bestätigt, dass „Vanilla“ als Begriff benutzt wird, um sich abzugrenzen. Scheinbar hat fast jede/r „Nicht-Vanilla“ (Etikett !) auch schon genug fragwürdige Kommentare über den eigenen Lebenswandel erdulden müssen. Und scheinbar führte das bei manchen „Nicht-Vanillas“ dazu, dass ein (Zitat) “abgrenzen durch ein gewisses Belächeln” (Zitat-Ende) folgte. Dem (negativen) Etikett wird also damit begegnet, dass man selbst (negativ) etikettiert.

Ich hatte bei dem Beitrag eine andere Resonanz erwartet. Ich hatte einen Shitstorm erwartet. Ein “Was ? Wie kannst Du es wagen ?”. Nun, das ist ausgeblieben. Und ich habe für mich erkannt, dass ich zwar keine Etiketten verteile (oder es zumindest versuche), es aber in meinem Kopf durchaus Etiketten und Klischees gab/gibt. Insoweit nehme ich aus dem Beitrag und der Diskussion eine Lehre für mich mit.

Ich habe das alles – meine Meinung, den Beitrag, die Kommentare – mir in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Mehrfach. Was bleibt, ist das Gefühl, dass sich nur mein Horizont erweitert hat.

Aber vielleicht ist das ja auch schon genug.

Über rotesuende

Mein Name ist Anna. Ich bin Anfang 30 und lebe ich in einer deutschen Großstadt. Ich bin 1,60 m klein und habe feuerrote Haare, grüne Augen und jeden Menge Sommersprossen.
Dieser Beitrag wurde unter Annas Welt abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Etikette(n) oder “Der Shitstorm ist ausgeblieben”

  1. transomat schreibt:

    Komisch, ich finde die Bezeichnung Schlampe, als ein echtes Kompliment.
    Generell hast Du vollkommen Recht, Etiketten sind Mist.

    Gefällt 1 Person

    • rotesuende schreibt:

      Kommt – wie immer – drauf an. Es gibt Menschen, die mich in bestimmten Situationen so nennen dürfen.
      Es macht halt nen Unterschied, wenn man Dich aggressiv „Idiot“ nennt oder eine Frau Dich an den Arm boxt und lachend „Idiot“ nennt.
      Und Etiketten sind Mist. Jawoll.

      Gefällt 1 Person

  2. de zwarte kat schreibt:

    Hallo Anna,

    schön, wenn Du deinen Horizont erweitern konntest, wenn Du daraus für Dich noch weiter was entwickeln kannst: Glückwunsch!

    Ja , Sprache braucht Bezeichnungen, und die sind erstmal wertfrei, unabhängig davon, ob sie aus einem Gruppenjargon heraus entstanden sind, wie z.B. „Vanillas“ oder im Duden stehen.
    Andererseits können Bezeichnungen auch (ab-)wertend sein, sie werden somit zu Etiketten (Klischees, Schubladen, etc.) und hier gebe ich Dir recht: Etiketten sind doof – oder zu pauschal – oder zu wenig ausdifferenziert.. Einfaches Beispiel: „schwul“ ist ebenso Bezeichnung wie Schimpfwort.
    Sicher, es hat eine gewisse Selbstversändlichkeit etwas in eine Schublade zu stecken (oder passender: zu etikettieren). Dabei ertappe ich mich auch mit schöner Regelmässigkeit, und das nicht gerade zu meiner Freude…

    Shitstorm?
    Ich finde für einen Shitstorm hast Du zuwenig polarisiert, Toleranz gegenüber Randgruppen ist Common Sense, und das Verhalten von dem Typen auf der Party bringt vermutlich selbst einige „Wannabes“ (- schönes Wort! ) zum Fremdschämen.

    Eigentlich doch alles im Blei, oder?

    Gefällt 1 Person

    • rotesuende schreibt:

      Hallo Kat,
      Danke für Deinen Kommentar. Und willkommen in meiner Bleigießerei.
      Ja, alles im Lack.
      Was den „Shitstorm“ angeht: Ich hatte einfach mehr Beißreflex vermutet.
      Schön, dass wir uns scheinbar alle einig sind, dass die Anna hier zu undifferenziert an die Sache herangegangen ist. Schade, dass es nicht mehr waren.

      Man kann andere nicht ändern, nur sich selbst.

      Gefällt 1 Person

      • de zwarte kat schreibt:

        Hallo Anna,

        ich fand nicht, „dass die Anna hier zu undifferenziert an die Sache herangegangen ist“, sondern dass sie zu wenig polarisiert hat: „Einerseits wollte ich mich gegen das Etikett “Vanilla” auflehnen, andererseits selbst auch niemand BDSM-affinen auf die Füße treten.“ – „getretene Hunde bellen“ pflegte meine Mutter zu sagen, nur hier wurde wohl keiner getreten und die „Wannabes“ schrieben Dir nicht, obwohl die Grund für einen Shitstorm hätten.

        „Nur wer sich ändert bleibt sich treu“ (Wolf Biermann)

        Gefällt 1 Person

      • rotesuende schreibt:

        Okay. Jetzt habe ich Dich verstanden. Finde ich gut.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s