Darf man denn noch Negerkuss sagen ?

Die leidige Diskussionen darum. Die Diskussionen darum, was man “denn noch sagen darf”. Um “political correctness” und genervtes Augenverdrehen. Auf der einen Seite die “Ich bin mit Negerkuss und Jägerschnitzel groß geworden”- Vertreter. Auf der anderen Seite die, die von der Gegenseite als “Sprachpolizei” bezeichnet werden.

Letztendlich geht es um eine Frage: Muss ich meine Sprache anpassen ? Muss ich mich und meine Sprache “zügeln”, wenn Andere dies von mir verlangen ? Und wenn ja, wo ist die Grenze ? Oder er lege ich mir dies vielleicht selbst auf ? Oder sollte ich das vielleicht sogar ?

Sprache ist vor Allem eins: ein Werkzeug. Lesen, Schreiben, Sprechen und Hören. Im Falle von Gebärdensprache usw. kommen sogar noch andere Sinne dazu. Diese Feinheiten und die weiteren Feinheiten der nonverbalen Kommunikation lasse ich jetzt hier erst einmal außen vor.

Das Werkzeug “Sprache” ist wie jedes andere Werkzeug. Ich kann es zweckentfremden. Ich kann es falsch verwenden. Ich kann es so benutzen, dass es Andere verletzt. Selbst der feinste Pinsel, der eigentlich nur filigrane Striche auf eine Leinwand bringen soll, kann dazu genutzt werden, um jemanden das Auge auszustechen.

Und wenn Sprache nun ein Werkzeug ist, wozu dient sie dann ? Natürlich zur Kommunikation. Kommunikation ist einerseits einfach, andererseits auch sehr problembehaftet. Hierzu gibt es weit interessantere und bessere Texte, so dass ich jetzt hier nicht allzu weit einsteigen möchte. Nur soviel: Das Werkzeug Sprache kann je nach Empfänger ein Hammer sein, oder eine Pinzette.

Ich, zusammen mit meinem Umfeld und dem Empfänger machen aus meinem Satz das, was letztendlich ankommt.

Was heißt das nun ? Es ist eigentlich ganz einfach. Willst Du einen Nagel in die Wand hauen, dann nimm einen Hammer. Willst Du einen Splitter entfernen, dann nimm die Pinzette.

Und manchmal weiß man eben nicht, ob das Gegenüber nun grad Nagel oder Splitter ist. Und wie das der Satz / die Aussage nun eben aufgefasst werden.

Letztendlich geht es immer um Absender, Empfänger und Kontext. Ihr sagt Euren Partnern andere Dinge als Euren Kollegen. Ihr sagt im Bett andere Dinge als am Küchentisch. Und dieses “Problem” löst Ihr mit Fingerspitzengefühl.

Zu den Problemen innerhalb der Kommunikation kommen nun Begriffe und Worte, die von Vielen eh schon als “Waffen” angesehen werden. Es sind schon einige Jahrzehnte vergangen, aber da sagten Viele das Wort “N*gger”. Inzwischen ist es fast verschwunden. Verschwunden, weil wir gemerkt haben, dass es eine rassistische Waffe in der Sprache ist. In meiner Jugend gab es verbreitet noch das (Folge-)Wort – also das N-Wort. N-Küsse waren überall zu kaufen. Pippi Langstrumpfs Papa war N-König. War das nun besser ? Wurde nicht einfach ein Wort gegen ein anderes Wort getauscht ? Blieb es nicht inhaltlich identisch ?

Letztendlich beschreibt Sprache zu einem Großteil unsere Welt. Und wir werden immer einen Begriff haben, um Jemanden zu beschreiben. So kann jeder Begriff zu einem diskriminierenden Etikett werden. “Schwarzer”, “Rotschopf”, “Riese” usw. Dies alles sind beschreibende Worte für eine Person. Wenn ich auf Jemanden aufmerksam machen möchte, dann muss ich zwangsläufig ein charakteristisches Merkmal dieser Person herausstellen. Da bieten sich optische Merkmale (leider) erst einmal an. Die Blonde. Der Große. Der Schwarze. Usw. Alle diese Worte sind zwei Dinge: Beschreibung und Potential für Diskriminierung.

Ich hatte die Diskussion bereits bei dem “Vanilla”-Beitrag. Hier wurde ich auf meine sexuellen Vorlieben “reduziert”. Vielleicht ist ein Wort unter BDSM-Affinen nötig, um Personen zu beschreiben, die eben nicht BDSM-affin sind. Kann sein. Wobei ich beispielsweise bei den Redhead-Days keinen Begriff für nicht-rothaarige Menschen gehört habe. Den gibt es bestimmt nicht einmal. Weil es nicht wichtig ist.

Zurück zum N-Wort und Co: Wir haben also sprachlich dann und wann die Notwendigkeit, dass wir etwas herausstellen müssen. Okay.

Die Frage, die für mich bleibt, ist: Brauchen wir wirklich die vorbelasteten Worte ? Wir wissen ja, dass sie verletzen können. Müssen diese Worte trotzdem genutzt werden, weil… Ja, warum eigentlich ? Weil ich nicht umdenken möchte ? Weil ich mit bestimmten Begriffen aufgewachsen bin ? Weil ich es albern finde, dass Literatur nun umgeschrieben wird ? Also aus Trotz ? Aus Bequemlichkeit ? Ist es wirklich nur das ?

Sprache beeinflusst das Denken. Verankern wir einen Begriff wie das N-Wort in unserer Sprache, dann ist es schwer zu argumentieren, dass dieser Begriff in sich ja problematisch ist. Er ist ja in der Sprache vorhanden. So what ? Kann ja nicht sooo schlimm sein, oder ?

Komischerweise haben die wenigsten Verteidiger des N-Kusses ein Problem damit, dass man keine Rufe (mit 2 Worten zu je 4 Buchstaben) aus der Zeit des dritten Reichs mehr skandieren oder brüllen darf. Nein, ich bringe hier keinen Nazi-Vergleich. Nur einen Beleg, dass Sprache sich wandelt. Sich wandeln muss.

Exkurs: Einige Worte, wie z.B. “N*gger” oder “Tunte” oder auch nur “Feuermelder” werden innerhalb von Gruppen verwendet. Gruppen, die häufig eben unter diesen Begriffen leiden oder gelitten haben. Diese Gruppen nehmen sich das Recht heraus, mit diesen Begriffen zu kokettieren. Witze auf eigene Kosten. Spaßhaftes “dissen” in der eigenen Gruppe. Vielleicht ein wenig Abgrenzung. Mehr nicht. Kein Argument dafür, dass man solche Begriffe sonst verwenden darf oder sollte.

So, und was will ich nun ?

Ein wenig Empathie. Ein wenig Nachdenken.

Wäre es also nicht sinnvoll und schön, wenn man bereits bei Wortwahl so geschickt vorgeht, wie beispielsweise beim Tonfall ?

Wäre es nicht sinnvoll, wenn man Worte, die problembehaftet sind, gleich weglässt ?

Wäre es nicht total einfach diese Worte gar nicht zu verwenden, so dass gar nicht erst die Gefahr besteht, dass sie falsch verstanden werden könnten ?

 

Und zum Schluß noch ein Zitat:

“Zivilcourage fängt für mich beim Vokabular an.”

@mmejoie

 


Editiert am 07.02.2019

Ich würde darauf aufmerksam gemacht, dass ich die Worte, die ja selbst kritisch sehe, zu oft verwende. Es mag komisch wirken, dass ich die Verwendung dieser Worte im Text selbst als „Waffen“ deklariere, sie aber im Gegenzug selbst häufig verwende.

Ich hatte mir überlegt, wie ich diesen Text schreibe. Wie ich Worte umschreibe, ohne sie selbst zu verwenden. Ich habe mich dann dazu entscheiden, diese Worte einfach zu verwenden. Ohne Filter. Einfach Klartext.

Ich verstehe jedoch, dass dies beim Lesen auch übel aufstößt. Und dass der Text (und meine Intention dahinter) selbst vielleicht in den Hintergrund rückt, eben weil man sich an den Begriffen stört. Daher habe ich nachgedacht und diesen Text geändert. Ich verweden jeden Begriff nun nur einmal und lasse einen Begriff vollkommen weg.

Und ich entschuldige mich, wenn ich Jemandem auf die Füße getreten bin. Das lag nicht in meiner Absicht.

-Anna

Über rotesuende

Mein Name ist Anna. Ich bin Anfang 30 und lebe ich in einer deutschen Großstadt. Ich bin 1,60 m klein und habe feuerrote Haare, grüne Augen und jeden Menge Sommersprossen.
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11 Antworten zu Darf man denn noch Negerkuss sagen ?

  1. Siegfried Prommer schreibt:

    Toller Artikel, sehr weise, gute, nachvollziehbare Gedanken zu einem wichtigen Thema. Gratuliere, weiter so 😎

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  2. transomat schreibt:

    Ich liebe diese tabuisierten Worte. Einfach um manchmal bewusst politisch unkorrekt zu sein. Natürlich liegt es mir fern damit jemanden zu verletzen. Aber im richtigen Moment gebracht kann das schon einmal Heiterkeit auslösen.

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  3. Siegfried Prommer schreibt:

    Ja. Bevor ich deinen Artikel gelesen habe, dachte ich dass es ein komplexes Thema ist. Tatsächlich ist es einfach, es geht um Empathie und Wertschätzung (nicht nur) in der Sprache. Hat mir gut getan 😉

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  4. keloph schreibt:

    ich finde, du hast einen satz guter und weniger guter betrachtungen angestellt. das kernproblem ist, dass sender und empfänger von sprache ein identisches verständnis haben müssen, zum beispiel bezüglich des wortschatzes. und da hpaert es zunehmend, denn viele menschen fühlen sich berufen, ihre weisheiten in die öffentlichkeit zu blasen (twitter, fb, instagram oder sonstiger). eine synchronisation über gemeinte und/oder gehörte bedeutungen geht dort naturgemäss gar nicht, schlicht, weil es unmöglich ist. damit werden dann missverständnisse zuhauf produziert. das spricht bei solchen medien definitiv für leise und bedachte wortwahl.
    auf der anderen seite bin ich absolut gegen totals weichspülen im sinne der political correctness. ds ebnet alles ein, im sinne von licht und schatten…..alles wird in diesem sinne grauzone. ich finde sprachliche präzision, und damit auch pointiertheit, wichtig, um unterschiede herauszuarbeiten und deutlich zu machen.
    sprache muss sich wandeln, weil der kontext von begriffen in der kultur (mainstream) sich einfach ändert. was gestern noch allgemein ok war, ist heute nicht mehr akzeptabel. der korridor verändert sich, um nicht extremistisch zu texten muss man sich mitändern.

    im übrigen gibt es in wien eine „negerlegasse“, ich bin nicht sicher, ob es sinn macht über eine umbenennung zu hirnen. vielleicht wäre es doch besser, die menschen so schlau zu machen, dass sie es in den (historischen) kontext setzen und damit vernünftig umgehen können. dito für den negerkuss!

    sorry für den vielen text.

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  5. xjuliax781105158 schreibt:

    Ein wunderbarer Beitrag zum Thema

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    • xjuliax781105158 schreibt:

      Linguistik und ihre Entwicklung. Ein Beispiel aus meinem Umfeld: Mein Bruder kam mit diversen Backwaren zurück zu unserer Liege im Freibad. Auf die Frage hin woher das den jetzt kommt, antwortete er: „von der türkischen Familie da unten.“ Ich habe lange darüber nachgedacht, warum es für ihn so wichtig war, ihre Herkunft als Erkennungsmerkmal zu erwähnen. Ich fand es falsch. Nicht richtig. Wäre diese Familie eine Österreichische gewesen, hätte er das doch auch nicht erwähnt. Es ist immer vorbelastet. Ich habe mich danach mit ihm unterhalten und er versuchte mir, ihm wäre das nicht bewusst gewesen. Bewusstsein ist das Stichwort. Wir sind alles Menschen. Wir brauchen keine bildliche Beschreibung wie: Der Türke/Schwarze da. Wir brauchen Köpfe die Menschen sehen. Das gelingt am Besten, wenn wir uns darüber bewusst sind. Dann ist die Sprache auch egal, weil es im Kopf so nicht mehr stattfindet.

      Gefällt 2 Personen

  6. sultanine schreibt:

    Das Problem ist, dass es nicht um Worte geht. Problem ist, dass das Wort an sich kein Problem darstellt, sofern man es von Geschichte und Konnotation und Wirkung entkoppelt. Es ist nur ein Wort. Wem dem Wort die Macht gibt, die Wirkung gibt, konstruiert das Problem mit dem politisch korrekten Wort. Man handelt mit Worten und Kommunikation ist soziales handeln, ja, das stimmt, aber ein Wort zu verbieten ist sinnlos. Ich halte nichts davon Worte zu tabuisieren, denn das schlägt immer ins Gegenteil um irgendwann. Das Tabu ist immer der beginn von Radikalität. Jemand hat mir mal gesagt „ich lasse mir von den Nazis doch nicht vorschreiben wie ich reden will“ Und das finde ich gar nicht so doof. Dennoch bin ich der Meinung, dass man achtsam reden sollte. Das finde ich sehr wichtig. So, dass es niemanden verletzen möge.

    Gefällt 1 Person

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