Männerwelten – eine persönliche Meinung

Drei Tage sind ins Land gegangen. Die erste Resonanz ist vorbei. Ich habe viele Geschichten auf Twitter gelesen. Viele Schicksale. Viele grausame Erlebnisse. Viele wollte ich gar nicht so im Detail lesen, aber ich habe es trotzdem getan. Aus Respekt der Person gegenüber, die sich geöffnet hat.

Oft habe ich fassungslos und mit einem Kloß im Hals da gesessen und mich gefragt, in was für einem Haifischbecken wir doch leben. Und das hier, in einem der reichsten und wohlhabensten Länder der Welt. Darüber, wie es in anderen Teilen der Welt aussieht, wollte ich nicht nachdenken. Zu sehr hatte mich das Ganze “vor meiner Haustür” schon aufgebracht.

Und ich habe die männlichen Reaktionen gelesen. Nahezu durchweg positiv. Klar, niemand schreibt offen im Internet, dass die Frauen sich mal nicht so haben sollen. Niemand ? Nun, ein oder zwei ganz verbohrte Kandidaten gabs dann schon. Aber die gibt’s ja immer. Sagen wir einfach, dass meine Blockliste frisches Futter bekam.

Leider gab es auch die “Klatsche” für solidarisierende Herren: Sie sollten mal darauf achten, dass Männer so etwas nicht machen. Und da war wieder der Punkt, wo ich für meine Geschlechtsgenossinen die Augen verdreht habe.

Nichts gegen Aufrütteln! Nichts gegen “Hey, wenn Dein Kumpel sowas macht, dann mach mal was dagegen.”. Ich denke und hoffe, dass das eh schon von den meisten Männern praktiziert wird. (Aber eine Erinnerung schadet ja nicht. )

Nein, ich rede davon, dass sich solidarisierende Herren anhören mussten, dass sie ihre Meinung zu dem Thema schon alleine dadurch verwirkt hätten, eben weil sie einen Penis haben.

Also, Hugo, jetzt sorg mal dafür, dass das nicht mehr passiert. Bist doch ein Mann, ne ?

Als ob. Als ob das ginge. Als ob das so einfach wäre.

Hier, Olga, tu mal was gegen Stutenbissigkeit. Oder Slutshaming unter Frauen. Du machst sowas nicht ? Egal. Aus Deinem Umfeld auch niemand ? Egal! Kannst Du also nicht ? Tja, strengst Dich nicht genug an.

Ihr seht, wohin ich will.

Aufrütteln: ja.

Aufmerksam machen: absolut.

Sensibilisieren: auch jeden Fall !

Leuten, die sich eh schon vernünftig benehmen (oder es versuchen) vor den Koffer scheißen: voll daneben.

So, was denke ich eigentlich zu dem Video und der Kampagne ?

Ich bin da zwiegespalten.

 

Es liegt zum Einen an der Auswahl der Personen. 

Also die Frauen, die dort “zu Wort” kamen. Personen in der Öffentlichkeit sind meiner Meinung nach keine Gruppe, die man in so einem Video hätte (nahezu ausschließlich) zu Wort kommen lassen sollen.

Jede Person des öffentlichen Lebens ist sehr schnell im Fokus für Kritik. Für Hass. Und auch eben für Sexismus. Das heißt nicht, dass es dadurch “okay” ist. Aber ! Diese Personen haben sich für diesen Lebensweg entschieden. Kennen das Haifischbecken (zum Teil) seit Jahren. Haben Hilfe. Haben Zuspruch.

Aber wie sieht es denn mit der Durchschnittsfrau aus ? Die, die einfach nur mal so die sozialen Medien benutzt und auf einmal mit sowas konfrontiert wird ? Die Fallhöhe ist enorm. Das kann ich Euch sagen. Die ersten #zwinkizwonki – Nachrichten haben mich vollkommen unvorbereitet getroffen. Ebenso wie die Hass-Nachrichten. Die Dick-Pics. Und die harten “Fantasien” einiger Herren. Niemand stand mir bei. Niemand half. Ich war ganz alleine. Ich will damit auf keinen Fall den emotionalen Einschlag bei Personen (Frauen) des öffentlichen Lebens herunterspielen. Aber!

Wenn Du nur das Mädchen von nebenan bist. Ohne Hilfe. Ohne Rechtsbeistand. Ohne Therapeuten. Ohne Tausende oder Millionen von Fans, die Dich wieder aufbauen…

Dann trifft Dich bis ins Mark. Bist hilflos. Alleine. Hast Angst. Machtlos ! Hilflos !

Und das hätte ich gerne in dem Video aufbereitet gesehen.

Ebenso hätte ich gerne gesehen, dass Frauen zu Wort kommen, die nicht weiß und deutsch und (wahrscheinlich) hetero sind.

PoCs sind betroffen. Oft gemeinsam mit rassistischen Äußerungen. Ich habe welche gelesen. Und mir wurde übel. Dass man der N****-F*tze halt mal eben selbige “sprengen” sollte bevor man sie nach Afrika zurückschickt. Nein, ich verlinke nichts. Sucht selber. Es ist ein brauner Sumpf an vielen Stellen da draußen.

Lesben sind betroffen. Wie oft habe ich gelesen, dass man denen das Lesbisch-sein halt mal nur tüchtig raushämmern müsste. Und ja, das passt auch zu Männerwelten.

 

Zum Anderen an der Machart. 

Humor wird eingesetzt. Der emotionale Einschlag abgemildert. Es transportiert eine grausame Message. Als leichtes Häppchen verpackt. Es gibt zum Beispiel eine Szene, wo ein Chatverlauf vorgelesen wird. Und nach einer Nachricht steht die Empfängerin auf und geht, während der Mann weiterhin schreibt, aber seine Nachrichten nicht mehr ankommen.

Wer einmal einen solchen Monolog im Postfach hatte, der (beziehungsweise die!) weiß, dass man nicht weggehen kann. Dass man es liest. Dass man einen Kloß im Hals hat. Wütend ist. Angst hat. Schreien möchte. Diesen emotionalen Einschlag hat man verpasst darzustellen.

 

Ich könnte noch mehr aufzählen, aber das geht wohl zu weit.

 

Man muss ja nicht immer nur kritisieren, was alles nicht gemacht wurde, sondern halt auch mal einfach sagen: Gut, dass überhaupt mal sowas wieder auf den Tisch kommt.

Insgesamt finde das Video gut. Mit Einschränkungen.

Denn Pro7 ist privat. Das heißt: Wirtschaftlich orientiert. Und da ist für wirklich eine kleine Hürde im Gedankengang. Denn wer glaubt, dass Pro7 und Joko&Klaas hier mal irgendetwas dem Zufall überlassen, der glaubt auch an den Osterhasen.

Das Ganze ist natürlich nur eins. Marketing. Sieht man an der Zielgruppe (weiße heterosexuelle Frauen) durch Auswahl der Sprecherinnen (weiße, erfolgreiche heterosexuelle Frauen in der Öffentlichkeit). Sieht man an der Aufmachung als “Show” mit Comedy-Einlagen. Man möchte ins Gespräch. Viral gehen. Geld verdienen.

 

Alles gut. Kann man. Nur vielleicht das nächste Mal ein wenig authentischer.

 

Über rotesuende

Mein Name ist Anna. Ich bin Anfang 30 und lebe ich in einer deutschen Großstadt. Ich bin 1,60 m klein und habe feuerrote Haare, grüne Augen und jeden Menge Sommersprossen.
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5 Antworten zu Männerwelten – eine persönliche Meinung

  1. T. schreibt:

    Ich war 16, mein berühmtes erstes mal. Eine brutale Vergewaltigung. Ich bin nach Jahren einigermaßen darüber hinweg. Geblieben sind Panikattacken und eine ausgeprägte Sozialphobie. Wenn ich mit dem Auto allein unterwegs bin, ist es abgeschlossen. Wenn es dunkel ist, verlasse ich nicht mehr alleine das Haus. Röcke oder Kleider ziehe ich nur an wenn ich nicht allein unterwegs bin oder zuhause. Ich vertraue sehr schwer. Trotzdem schere ich nicht alle Männer über einen Kamm. Twitter wurde mein Fenster nach draußen. Es war eine schöne Zeit.

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  2. 64er schreibt:

    Es ist wichtig, dass das Thema sexualisierte Gewalt in der Öffentlichkeit präsent ist. Daher schert es mich auch überhaupt nicht, dass mit Pro7 ein privater Fernsehsender das Thema zur Primetime anspricht (Randbemerkung: Im Falle von Printmedien würde darüber niemand diskutieren; die sind alle „privat“).
    Richtig, es sind weiße Frauen des öffentlichen Lebens die für diese Plattform ausgesucht wurden.
    Wichtig ist dieses Thema am „Leben“ zu erhalten, zu vertiefen, andere Betroffene zu hören und die Täter zu identifizieren. Grade dann wenn sie sich hinter Pseudonymen verstecken und „nur“ verbalisiert von sexuellem Zwang und Gewalt schreiben. Jedem muss klar, zwischen psychischer und physischer Gewalt darf nicht unterschieden werden. Es ist und bleibt Gewalt!
    Wer den Respekt vor der Würde des Menschen verliert stellt sich außerhalb unserer Gesellschaft. Das muss den Tätern klar werden.
    Denen die zur Aufklärung beitragen oder deren Beruf die Strafverfolgung ist sei gesagt – Euer Job ist es den Gewaltverbrecher zu finden und zu bestrafen. Euer Job ist es nicht das Opfer zum (Mit)Schuldigen zu machen!

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  3. Pingback: Der wirkliche Wahnsinn | 64er

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